Der siebte Zwerg

© Friedhelm Schneidewind

Der Drache brachte wieder mal den Boden zum Beben und die Wände zum Zittern. Der Prinz verkroch sich unter seinem Marmortisch und wartete, bis das Poltern und Rumpeln verklungen war. Dann überprüfte er als erstes den gläsernen Sarg der Prinzessin, doch der war unversehrt, wie stets.

Noch immer zitternd setzte sich der Prinz auf den Felsvorsprung, den er als Sessel benutzte. Seit Jahren gab es diese regelmäßigen Überfälle, doch er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt. Er hatte auch keine Ahnung, was für ein Drache es war, der jeden Tag ein wenig mehr seines Heims zerstörte.
Der Prinz versank wieder in seinen Erinnerungen an die Vergangenheit. Der große Kopf mit den langen Haaren sank ihm auf die Brust, und der weiße Bart reichte bis über den Gürtel seines steingrauen Gewandes. Die Haare aus den weiten Nasenlöchern zitterten im Rhythmus seines Atems. Niemand, der ihn in seiner Jugend gesehen hatte, hätte in ihm den einstigen Stolz seines Geschlechts erkannt. Der Prinz begann zu träumen.

 

Wie stets, wenn sich die Elfen mit den Zwergen trafen, war dies ein Anlaß für große Festlichkeiten. Und zu den Höhepunkten gehörte das Drachenreiten. Natürlich waren es keine echten Drachen; diese waren schon vor Jahrmillionen ausgestorben, lange ehe die Vorfahren der beiden Rassen aus den Höhlen und Sümpfen gekrochen waren. Doch die in den heiligen Tümpeln gezüchteten Riesenkrokodile und –echsen waren gefährlich genug, so dass man den Namen beibehalten hatte.

Der Prinz war wieder Favorit. Niemand konnte sich länger auf den Rücken der Drachen halten als er, niemand war stärker und beweglicher. Und er war der Liebling aller Damen, denn keiner der anderen Jünglinge sah strahlender aus, war schöner und edler. Doch in den Ausscheidungskämpfen erwuchs ihm ein gefährlicher Konkurrent: einer jener nur halb behaarten Affen, die, seitdem sie von den Bäumen gestiegen und der Sprache mächtig waren, sich immer mehr breit machten. Diese Barbaren waren groß und kräftig, und der rothaarige Riese, der auf ausdrücklichen Wunsch des Elfenkönigs zugelassen worden war, gewann das Turnier mit deutlichem Vorsprung.

Unter den Zwergen und Elfen machte sich Unmut breit. In dem allgemeinen Getümmel war der Prinz einer der wenigen, der wahrnahm, wie die Augen der Elfenkönigs sich an der Tochter des siegreichen Barbaren festsaugten.
 

Der Prinz erwachte mit einem Grunzen, als alles um ihn herum zu zittern begann. Der Felsvorsprung, auf dem er saß, wäre selbst bei genauem Hinschauen kaum noch als der reich verzierte Thronsessel zu erkennen gewesen, als den ihn die Baumeister seines Vaters aus dem Stein hatten hauen lassen. Zu sehr hatten Wasser, Luft und des Prinzen Hinterteil an ihm gearbeitet. Und die verwitterte Marmorplatte, unter die der Prinz sich fast reflexartig warf, hätte niemand außer ihm als Tisch zu bezeichnen gewagt.

Der Prinz war entsetzt. Noch nie vorher war der Drache zweimal an einem Tag gekommen. Und er war näher denn je, denn er konnte sein dumpfes Brüllen vernehmen.

Als es wieder still geworden war, arbeitete er sich unter dem Tisch hervor. Andächtig stand er wenig später vor dem Sarg seiner Prinzessin, sog ihre Schönheit und Jugend in sich auf, beobachtete lange ihren Busen, der sich kaum merklich hob und senkte. Mehr als ein Jahrhundert war vergangen, seit jemand neben ihm vor diesem Sarg gestanden hatte. Elfen aus Irland waren es gewesen, die ihrer schlafenden Königin huldigen wollten. Und sie hatten Furchtbares zu berichten gehabt. Sie waren die letzten ihrer Art, und auch ihr Hügel war von der Vernichtung bedroht. Eisen und Stahl machten sich überall breit, die Zwerge waren seit Jahrzehnten verschwunden. Lange hatten sie zusammen gesessen und geschwiegen, und lange hatte er ihnen nachgeschaut.

Er konnte sich nicht mehr an ihre Gesichter erinnern. Doch an das Antlitz seiner geliebten Prinzessin, als ihre neue Mutter kam, erinnerte er sich noch genau.
 

Er konnte der rothaarigen Barbarin eine gewisse Schönheit nicht absprechen. Mit ihrer urwüchsigen Sinnlichkeit konnten weder die zierlichen Elfenfrauen konkurrieren noch die kräftig gebauten Zwerginnen. Das war es wohl auch, was den Elfenkönig zu ihr hinzog.

Der Prinz stand während der Hochzeitszeremonie unter den Ehrengästen, neben dem rothaarigen Brautvater, der ihn bei den letzten drei Drachenritten geschlagen hatte. Neben der Braut stand die Tochter des Königs, »seine Prinzessin«, wie er sie insgeheim nannte. Sie war der Grund dafür, dass er mit seinen fast 100 Jahren noch immer unbeweibt war. Für ihn stand fest, dass er sie, sobald sie mannbar geworden war, heiraten würde. Nur deshalb lebte er seit fast zehn Jahren am Elfenhof.

Ihr Gesicht spiegelte nichts von den Gefühlen wider, die sie bewegen mussten. Trauer war wohl dabei, um ihre verstorbene Mutter – und Argwohn, ob nicht doch etwas dran war an den Gerüchten, dass die Barbaren sie vergiftet haben könnten. Ein wenig Eisen zum richtigen Zeitpunkt... Vor allem aber verspürte sie im Moment wohl Angst, um sich selbst, aber auch um ihren verblendeten Vater, der als erster Elfe einen Menschen in seinen Hügel gebeten hatte und nun die Ehe mit einem solchen Wesen einging. Als die Prinzessin die Augen hob und in die des Prinzen sah, gab dieser ihr ein stummes Versprechen – er würde immer über sie wachen.
 

Aus den Wänden lösten sich Steinbrocken. Die Erde erbebte. Der Drache griff zum dritten Mal an. Der Prinz erkannte, dass seine Wache zu Ende ging. Diesem Angriff würde der Berg nicht standhalten. Den einzigen Ausgang hatte der Drache schon vor Jahren verschüttet; kleiner und kleiner war die Feste geworden.

Der Prinz näherte sein Gesicht dem Sarg, so nahe, dass er vage sein Spiegelbild erkennen konnte. Ob sie ihn wohl noch lieben würde, den altgewordenen Zwergenkönig? Denn König war er nun ebenso wie sie Königin, waren sie doch die letzten ihrer Art.

Doch spielte das noch eine Rolle? Er war alt geworden über den Jahrtausenden seiner Wache, und sie war jung geblieben, hatte geschlafen all die Zeit, und er fragte sich oft, ob sie wohl träumte.

Die Erde erbebte von neuem, und zum ersten Mal zeigte sich in dem Sarg ein Riss.
 

Die Erde hatte auch damals gebebt, und die Wände hatten gezittert, als die Heerscharen der Menschen gegen die Feste anrannten. Den sieben Zwergenfürsten blieb nur die Hoffnung, dass die Festung dem Ansturm standhalten würde. Der Hohe König war beim letzten Ausfall schwer verwundet worden und kurz danach gestorben. Die sechs anderen Fürsten hatten den Prinzen zu seinem Nachfolger erwählt, doch wollte er den Titel nicht.

Die Armeen der Menschen waren den Zwergen an Zahl weit überlegen, aber es stand zu hoffen, dass sie die Belagerung bei Winteranbruch einstellen würden. Was lag ihnen schließlich an der schlafenden Prinzessin?
 

Der Prinz betrachtete die schlafende Schönheit lange und nachdenklich und so intensiv wie schon lange nicht mehr. Langsam, mit unendlicher Zartheit, löste er die Siegel, die den Deckel des Sarges hielten. Als er diesen anhob, hielt er den Atem an. Und mit einer Spannung, die ihn zu zerreißen drohte, sah er der geliebten Frau zum ersten Mal seit Jahrzehntausenden direkt ins Gesicht.

Sie hatte sich nicht verändert. Noch immer waren ihre Lippen rot wie Rubine, ihr Haar so schwarz wie die dunkelste Kohle. Und ihr Gesicht hatte die vornehme Blässe der edelsten Elfinnen, was ihr von seiten ihrer Stiefmutter und deren menschlichen Hofdamen den verächtlichen Namen »Schneeweiß« eingebracht hatte.

Sie hatte alles ertragen, die Beleidigungen und die Demütigungen, war nur immer blasser und stiller geworden, und der Prinz hatte mit ihr gelitten und sich seiner Ohnmacht geschämt. Und wenn die Ehe des Elfenkönigs mit einer Menschenfrau auch seinem Ansinnen, eine Elfin ehelichen zu dürfen, dienlich zu sein schien, da der Vater der Tochter schlecht verweigern konnte, was er selbst getan, so konnte er sich doch darüber nicht freuen, denn er sah die Geliebte oft heimlich weinen.

Die Prinzessin sah gesund aus, besser, als er sie in den letzten Monaten ihrer Regentschaft je gesehen hatte. Damals hatte er ihr seine Liebe gestanden, doch es war zu spät gewesen. Nun stand der Tod zum zweiten Mal auf ihrer Schwelle. Und diesmal sollte es nicht zu spät sein.

Der Prinz zerschlug bedächtig die gläsernen Wände des Sarges und breitete dann mit aller Sorgfalt sein altes, zerschlissenes Gewand auf dem Boden aus. Vorsichtig hob er die Prinzessin aus dem Sarg und bettete sie auf den grauen Stoff. Und dann begann er behutsam, ihr den Gürtel zu lösen.
 

Wahrscheinlich war es wieder Eisen gewesen. Der Elfenkönig hatte nur wenige Stunden gelitten. Die Ernennung seiner Tochter zur Regentin wollte die Königin natürlich nicht anerkennen.

Die Elfen hatten keine Chance. Fast alle, die am Königshofe lebten, wurden von den Menschen ohne Gegenwehr erschlagen. Die Prinzessin entkam nur, weil der Prinz auf ihrer Schwelle wachte und die ersten der anstürmenden Barbaren erschlug, bevor er mit ihr zu seinem Vater floh. Der Hochkönig und seine sieben Fürsten, unter ihnen der Prinz, sammelten ihre Scharen und flohen in der Zwerge geheime Feste. Hier konnten sie hoffen, den Menschen standzuhalten.

Nur wenig Nachricht drang von außen an ihr Ohr. Dann und wann kam ein Kundschafter und berichtete von entsetzlichen Metzeleien, die die Barbaren unter den Elfen angerichtet hatten. Diese zogen sich in geheime Hügel zurück, ernannten die Prinzessin zu ihrer Königin und sandten um Hilfe an die Zwerge. Doch diese konnten nichts tun.

An dem Tage, an dem der Prinz der Prinzessin seine Liebe gestanden hatte, war wieder ein Bote gekommen. Natürlich war er aufs genaueste untersucht worden, hatten doch schon zweimal gedungene Mörder versucht, die Königin der Elfen zu töten. Die ehrwürdige Tradition der Zwerge, König oder Königin persönliche Geschenke zu überreichen, erwies sich für die Wächter als höchst hinderlich. Doch sowohl der Silberkamm, in dessen Zacken Eisensplitter eingearbeitet worden waren, als auch der Gürtel mit der Eisenspitze in der Schnalle waren glücklicherweise entdeckt worden. Nach jedem Vorkommnis waren die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden. Und so hatte der Bote heute mittag von dem ersten Apfel des Jahres, den er der Königin mitgebracht hatte, sogar eine Hälfte essen müssen und wurde erst Stunden später bei ihr vorgelassen.

Als der Prinz sich dem Gemach der geliebten Frau näherte, war er voll innerlichen Jubels, denn am Mittag hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie seine Liebe erwiderte und in dieser Nacht seine Treue in angemessener Form vergelten wollte. Doch als er den Raum betrat, blieb sein Herz fast stehen: Die Prinzessin lag wie tot am Boden, die angebissene Apfelhälfte neben ihr.

Gegen Eisen waren alle Mittel der Elfen und Zwerge machtlos, und so konnte niemand ihr helfen. Doch waren zu dieser Zeit in der Feste versammelt die größten der Heiler und Magier der Zwerge, und nach langem Beratschlagen gaben sie der Prinzessin einen Trank ein, der ihr Leben dahinströmen ließ in so langsamem Fluss, dass das Gift seine Wirkung nicht vollenden konnte. Und lange, nachdem die Menschen ihren Krieg gegen die Zwerge und Elfen beendet hatten, als diese sich versteckt und die Erde den Barbaren überlassen hatten, bauten sie ihr einen gläsernen Sarg, der auf ewig halten sollte, und die Zwerge verließen den Berg, und es blieben nur die sieben Fürsten, zu wachen über die Prinzessin.
 

Der Prinz strich zärtlich mit seiner faltigen Hand über die glatte Haut, mit knotigen Fingern streichelte er die Brustwarzen und glättete die schwarzen Haare. Fast sein ganzes Leben hatte er über seine Geliebte gewacht; seine Liebe war stärker gewesen als der Tod, der seine sechs Gefährten schon vor langer Zeit von ihm getrennt hatte. Nun war das Ende seiner Wache gekommen, und ihr so nah wie möglich wollte er dies erleben.

Im Rhythmus des Bebens der Erde und des Grollens des Drachens vereinte er sich mit ihr, und als sich über ihm die Erde öffnete und ihn die Schaufel des Braunkohlebaggers mit seiner Geliebten auf immer und unzertrennbar vereinte, nahm er dies nicht wahr.


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind, sowie enthalten in dem Buch »Von den kleinen Leuten. Über Halblinge, Zwerge und andere (zu) kurz Gekommene« (Anthologie von Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich, »Edition Stein und Baum« im Verlag der Villa Fledermaus, Saarbrücken 2008).


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