Wir brauchen keine Vampire

nach der Melodie von »Wir brauchen keine Millionen«

© Friedhelm Schneidewind


Die meisten mögen heute gern
Legenden, Sagen, Fantasy.

Sie gruseln sich und sind ganz froh:

In Wirklichkeit gibt es das nie!

Vampire, Hexen, Werwölf’ auch,
gar Menschenfresser, Teufelsbrut

schön schrecklich, und bestimmt nicht echt:

Das tut doch mal so richtig gut.

Wir sehen gerne Vampire,
wer liebt Graf Dracula nicht?
Den Film- und Fernsehmonstern
sehen wir gerne ins Gesicht.

Wir gruseln vor den Monstern uns,
die phantasievoll man serviert.

Dabei verschließen wir den Blick,

vor dem, was um uns rum passiert.

Wir haben Kriege und KZs,
Napalm und Minen, Gift und Gas.

Gegen das, was wir täglich tun,

sind Filmmonster ein seichter Spaß.

Wir brauchen keine Vampire,
wir brauchen Dracula nicht!
Die allergrößten Monster
schau’n uns tagtäglich ins Gesicht.

Was ist schon ein Graf Dracula?
Selbst wenn er wirklich Nacht für Nacht

ein Kind aussaugt – in hundert Jahr’n

das nicht mal vierzigtausend macht.

Soviel verhungern jeden Tag,
weil wir zuseh’n, statt was zu tun.

Politiker und Militärs

sind echte Monster, die nie ruh’n.

Wir hätten lieber Vampire
statt dieses Monstergezücht.
Vertreiben wir sie endlich,
die brauchen wir doch wirklich nicht!

Die wahren Monster haben sich
meist gut verborgen unser’m Blick.

Sie leben mitten unter uns

in Industrie und Politik.

Tun alles, dass man nicht erkennt,
was jeden Tag Schlimmes passiert.

Mit Infotainment im TV

haben sie uns paralysiert.

Wir brauchen keine Vampire,
wir brauchen Dracula nicht!
Die allergrößten Monster
schau’n uns tagtäglich ins Gesicht.

Vampire sind doch gar nicht schlimm,
wenn man nicht an die Hölle glaubt.

Und sich zu gruseln in ’nem Film,

ist selbst in Diktatur’n erlaubt!

Wir amüsieren uns so gut,
wenn Dracula den Harker beißt.

Und wenn in Massen fließt das Blut,

ist Jugoslawien furchtbar weit.

Wir brauchen keine Vampire,
wir brauchen Dracula nicht!
Die allergrößten Monster
schau’n uns tagtäglich ins Gesicht.

Wir selber sind Vampire auch
und zapfen Lebenssäfte ab.

Die »Dritte Welt« blutet für uns,

wir graben denen dort das Grab.

Wir beuten aus, wir leben gut,
die anderen geh’n daran zu Grund.

Das wirtschaftliche Lebensblut,

es fließt für uns, hält uns gesund.

Wir brauchen keine Vampire,
wir brauchen Dracula nicht!
Die allergrößten Monster
schau’n uns tagtäglich ins Gesicht.

Wir brauchen keine Vampire,
wir brauchen Dracula nicht!
Die allergrößten Monster
schau’n uns im Spiegel ins Gesicht.


© 1995 Friedhelm Schneidewind

Bei Aufführung bitte Mitteilung an den Autor und – unbedingt – GEMA-Meldung!