Handspannenbreit

© 1997 Friedhelm Schneidewind


Das große, graue Ross schnaubte. Unter seinen Hufen spritzten die Steine zur Seite. Der König hielt die Zügel mit sicherer Hand, sah nicht nach rechts und links. Einer der Kiesel flog über die kniehohe Mauer aus unbehauenen Feldsteinen und traf den Mann dahinter seitlich am Knie. Sein Aufschrei ging unter im Stampfen der Rosse und Klirren der Rüstungen.

Peter wälzte sich unruhig auf dem Lager hin und her. Er verfluchte sein Pech, ausgerechnet neben der Straße gearbeitet zu haben, als der König vorbeiritt. Nun lag er schon den dritten Tag, wahrscheinlich würde er sein Bein nie wieder beugen können, und Maria musste die Feldarbeit allein verrichten. Was sollte das nun Gutes haben?

Und doch hatte der Priester gesagt, es sei ein Segen, und ganz sicher ein Omen. Den König gesehen zu haben, sei ein unerhörtes Glück, das den wenigsten seiner Untertanen widerfahre. Und dann auch noch getroffen zu werden von einem Stein, den das legendäre Streitross des großen Herrschers aufgewirbelt hatte! Die Götter hätten sicher Großes mit ihm vor!

Aber warum fesselten sie ihn dann ans Lager, fragte sich Peter? Der Alte faselte doch nur Unsinn. Was sollten die Götter mit einem einfachen Bauern wie ihm vorhaben? Das war ...

Peter fuhr auf. Er musste eingedöst gewesen sein. Das Klirren von Rüstungen hatte ihn geweckt – oder hatte er sich das nur eingebildet? Es war totenstill. Kein Vogel war zu hören. Irgendetwas stimmte nicht ...

Ein Schrei riß ihn förmlich vom Lager empor. Das war ein Todesschrei! Und plötzlich war die Luft erfüllt von Kinderschreien und dem Gefluche tiefer Männerstimmen, dazwischen erklang das Gerassel von Rüstungen – und ganz eindeutig von Ketten.

Peter zögerte. Er war außer dem alten Priester der einzige Mann im Dorf, alle anderen und die Frauen waren auf den Feldern. Das da draußen musste die Räuberbande des Roten Hannes sein, wegen der der König seit Wochen im Lande unterwegs war. Das war die schlimmste Heimsuchung seit Jahren in diesem ansonsten so friedlichen Land. Der Rote Hannes überfiel die Dörfer immer am hellichten Tag; er hatte es nur auf die Vorräte abgesehen und vor allem auf die Kinder, die er ins benachbarte Königreich in die Sklaverei verkaufte. Die Erwachsenen auf den Feldern ließ er in Ruhe, und der König hatte streng verboten, dass diese ins Dorf zurückkehrten, wenn sie etwas von dem Überfall mitbekamen. Gegen die Streiter des Roten hätten sie doch keine Chance, und »Kinder können wieder geboren werden, Vorräte wieder angelegt, aber bis ich neue Bauern habe, dauert es zu lange«, so hatte der Bote des Königs dessen Worte wiedergegeben.

Der Rote Hannes schien dies ähnlich zu sehen und ließ die Dörfer und ihre erwachsenen Bewohner unversehrt, um seinen Nachschub nicht zu gefährden; die Priester wurden immer im Tempel eingesperrt. Doch was der Rote mit einem anderen Mann anstellte, den er im Dorf fand, das wollte sich Peter lieber gar nicht erst vorstellen. Und finden würde er ihn, wenn er die Hütten nach Vorräten durchsuchte.

Das Schreien war verstummt, ebenso der Klang der Schmiedehämmer auf den Ketten. Peter schleppte sich mühsam vom Lager weg und überlegte verzweifelt, wo er sich verstecken könne, als ein riesiger Schatten über ihm aufragte. Die Klinge, die ihm den Kopf vom Rumpf trennte, sah er nicht.

Das große, graue Ross schnaubte. Unter seinen Hufen spritzten die Steine zur Seite. Der König hielt die Zügel mit sicherer Hand, sah nicht nach rechts und links. Einer der Kiesel flog über die kniehohe Mauer aus unbehauenen Feldsteinen, verfehlte das Knie des Mannes dahinter um eine Handspanne und traf die vor ihm stehende Tonflasche. Der Mann fuhr herum; sein Aufschrei ging unter im Stampfen der Rosse und Klirren der Rüstungen.

Peter war durstig. Der Stein, den das Ross des Königs aufgewirbelt hatte, hatte seine einzige Flasche zertrümmert, und nun konnte er schon den dritten Tag hintereinander kein Wasser mit aufs Feld nehmen. Maria war vielleicht wütend! Was sollte das nun Gutes haben?

Und doch hatte der Priester gesagt, es sei ein Segen, und ganz sicher ein Omen. Den König gesehen zu haben, sei ein unerhörtes Glück, das den wenigsten seiner Untertanen widerfahre. Und dann auch noch getroffen zu werden von einem Stein, den das legendäre Streitross des großen Herrschers aufgewirbelt hatte! Die Götter hätten sicher Großes mit ihm vor! Aber der Alte faselte mal wieder nur Unsinn. Was sollten die Götter mit einem einfachen Bauern wie ihm vorhaben?

Peter sah auf. Irgendetwas stimmte nicht. Es war totenstill. Kein Vogel war zu hören. Plötzlich vernahm er Kinderschreien vom Dorf her, das Gefluche tiefer Männerstimmen, dazwischen erklang das Gerassel von Rüstungen – und ganz eindeutig von Ketten. Er sah sich um. Alle standen, gleich ihm, leicht gebückt und lauschten. Verzweiflung machte sich auf den Gesichtern breit, drückte sich in den die Werkzeuge fast zerquetschenden Händen aus, den starren Blicken, den versteinerten Mienen.

Der alte Priester war der einzige Mann im Dorf. Ihm würde nichts geschehen, aber er würde die Kinder auch nicht retten können. Er hatte recht gehabt: Es war ein Omen gewesen, aber es verkündete den Ruin des Dorfes.

Das große, graue Ross schnaubte. Unter seinen Hufen spritzten die Steine zur Seite. Der König hielt die Zügel mit sicherer Hand, sah nicht nach rechts und links. Einer der Kiesel flog über die kniehohe Mauer aus unbehauenen Feldsteinen, verfehlte das Knie des Mannes dahinter um eine Handspanne und traf auf die hinter ihm liegende Harke. Der Mann fuhr herum; sein Aufschrei ging unter im Stampfen der Rosse und Klirren der Rüstungen.

Peter traute seinen Augen nicht. Der Aufschlag des Steins auf dem blanken Metall hatte geklungen wie der Gong, den der alte Priester jeden Abend im Tempel schlug. Er hatte sich umgedreht und aus noch halb gebückter Stellung etwas erblickt, was ihm sonst sicher entgangen wäre: Oben im Wald auf dem Donnerberg blitzte etwas im Licht der untergehenden Sonne. Peter ließ sein Werkzeug liegen und rannte los.

Peter trat unruhig von einem Bein auf das andere. Eigentlich war er glücklich darüber, ausgerechnet neben der Straße gearbeitet zu haben, als der König vorbeiritt. Doch es war nun schon der dritte Tag, an dem er mit den anderen Männern des Dorfes im Tempel eingesperrt war, und langsam wurde er ungeduldig. Im schwachen Licht der blakenden Fackeln erkannte er, dass es den anderen Männern nicht anders erging. Natürlich hatte der König recht: Gegen die Streiter des Roten Hannes hätten sie keine Chance. Also mussten sich die Männer verstecken und Maria und die anderen Frauen die Feldarbeit allein verrichten. Zwar versuchten die als Bauern verkleideten Krieger, ihnen zu helfen, aber Peter konnte sich vorstellen, wie hilflos sie sich dabei anstellten.

Trotzdem musste man dem König dankbar sein für seine Fürsorge. Zwar ließ der Rote die Leute auf den Feldern bisher immer in Ruhe, aber man konnte ja nie wissen. Auf jeden Fall würden ihm, wenn er wie üblich ins Dorf kam, die in allen Hütten versteckten Ritter einen heißen Empfang bereiten.

Peter riss sich zusammen. Er musste Ruhe ausstrahlen, das war er seinem zukünftigen Amt schuldig. Und sicher würde alles gut gehen. Schließlich war seine Begegnung mit dem König ein Omen gewesen, hatte der Priester gesagt. Den König gesehen zu haben, sei allein schon ein unerhörtes Glück, das den wenigsten seiner Untertanen widerfahre. Und dann auch durch einen Stein, den das legendäre Streitross des großen Herrschers aufgewirbelt hatte, die Bande des Roten Hannes entdeckt zu haben, wegen der der König seit Wochen im Lande unterwegs war! Die Götter hätten sicher Großes mit ihm vor!

Und er schien ja recht zu haben. Wenn der Rote Hannes erledigt wäre, würde der König das Dorf zum Lohne in den Stand einer königlichen Freisiedlung erheben, hatte der Bote des Herrschers verkündet. Und ihn, Peter, würde er zum Baron und Herrn über diesen Landstrich machen, denn »wenn er nicht geistesgegenwärtig genug gewesen wäre, über den Berg zu laufen und den König an der Furt abzufangen, wäre es diesem Dorf gegangen wie allen anderen und der Rote Hannes auch fürderhin eine Bedrohung für unsere Untertanen. Solche Männer braucht das Reich«, so hatte der Bote des Königs dessen Worte wiedergegeben.

Ein Schrei riss Peter aus seinen Gedanken. Das war ein Todesschrei! Und plötzlich war die Luft erfüllt vom Klirren der Schwerter und dem Gefluche tiefer Männerstimmen, dazwischen erklang das Gerassel von Rüstungen.

Als die Kampfgeräusche verstummt waren, trat Baron Peter hinaus ins schwache Licht des verdämmernden Tages. Überall lagen toten Männer, nur wenige waren Krieger des Königs. In der Mitte des Dorfes kniete ein Riese von Mann mit langen, roten Haaren in einer roten Rüstung, an den Armen gehalten von vier Rittern. Vor ihm stand der König, das Breitschwert hoch erhoben, und blickte hoheitsvoll auf den Banditen hinab. Dieser hielt den Kopf gesenkt, schaute vor sich auf die Erde, würdigte den König keines Blickes, der hoch über ihm aufragte. Die Klinge, die ihm den Kopf vom Rumpf trennte, sah er nicht.

Das große, graue Ross schnaubte. Unter seinen Hufen spritzten die Steine zur Seite. Der König hielt die Zügel mit sicherer Hand, sah nicht nach rechts und links. Einer der Kiesel flog über die kniehohe Mauer aus unbehauenen Feldsteinen ...


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind.


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