Geworfen in die Ewigkeit

© 1997 Friedhelm Schneidewind


Die Kälte war schlimmer, als er erwartet hatte. Diese trockene Kälte, die in die Wangen und die Nase biß, die Lippen aufreißen und die Augen tränen ließ. Doch viel schlimmer war das Weiß. Dieses kalte, harte, glitzernde Weiß, das selbst durch die geschlossenen Augenlider drang und einen aufsog, das Ich schrumpfen ließ zu einem unbedeutenden Pünktchen, die eigene Existenz vergessen ließ. Nicht einmal sein Wimmern hörte er.

Foraniz lag wimmernd auf dem Boden, Petara hatte sich in Embryohaltung zusammengekrümmt. Ulala kroch vorsichtig zu den beiden hin, wobei sie darauf achtete, immer mit drei Gliedmaßen Bodenkontakt zu halten – oder besser Eiskontakt. Trotz der Spikes an ihren Schuhen und der rauhen Handschuhe war es schwierig, voranzukommen, ohne den Halt zu verlieren, und sie war froh, dass sie auf den verbotenen Scheiben auch von »Bergsteigen« und den damit verbundenen Tricks gelesen hatte.

Die Stille wurde nur durchbrochen von Foraniz’ Wimmern, und hin und wieder von den Schreien derjenigen, die auf der geneigten Ebene ins Rutschen gekommen waren. Die Schreie wurden leiser und leiser, während die schwarzen Punkte in die Tiefe wirbelten, und verstummten, wenn sich die Klappen der Verwertungsschächte hinter ihnen schlossen.

Ulala rüttelte an Petaras Schulter. »Reiß dich zusammen. Wir haben doch gewußt, wie es ist.«

»Aber nicht, wie weiß – und glatt – und kalt. Das hast du uns nicht gesagt.« Petara hob den Kopf und funkelte Ulala wütend an; diese musste lachen. »Schau uns nur an – wir, die wir uns verweigern, alles ändern wollen. Ich klebe wie eine Fliege an der Wand hier auf dem Eis, du hockst da wie ein beleidigter Buddha, und Foraniz hat sich ganz von der Welt verabschiedet. Wir wollen ganz nach oben – und sind auf dem besten Wege, gar nicht erst hier rauszukommen. Wir sind vielleicht Helden!« Petaras Züge lockerten sich, und sie stimmte, zunächst zaghaft, in Ulalas Kichern ein.

Der Erste sah in die Weiße hinab und fragte sich, wie jedesmal, ob dies wohl das Ende sein würde. Und wie immer in diesen entsetzlichen 48 Stunden konnte er sich nicht entscheiden, ob er sich darauf freuen oder es bedauern würde, wenn er zurückkehren müßte in die Masse der Geworfenen. Er wußte, dass es seinen Teamkolleginnen ähnlich ging; er musste nicht in ihre maskengleichen Gesichter schauen, die er in den letzten Jahrzehnten so gut kennengelernt hatte wie sein eigenes, ja besser, da er jeden Tag viel länger hineinschaute. Wie er sehnten sich die zwei Frauen nach der verdienten Ruhe, danach, ihren Hobbies nachgehen zu können, alte Scheiben zu lesen, stundenlang zu faulenzen, Musik zu hören, zu baden, zu tanzen, in die Unendlichkeit des Alls zu starren und dabei zu träumen von dem, was kommen würde ... Wie sie sich danach sehnten, die Macht und die Verantwortung in andere Hände legen zu dürfen! Und doch scheuten sie davor zurück, voller Angst, das Schiff möge dabei Schaden nehmen.

Er starrte in die grelle Weiße, genoß auf groteke Weise den Schmerz, als wolle er sich züchtigen.

Er fühlte, wie etwas in seine Hand geschoben wurde.

»Du musst etwas sehen, Lieber«, ermahnte ihn sanft die Stimme der Zweiten. Er setzte zögernd die schwarze Brille auf und richtete seinen Blick auf das ganz in Weißtönen gehaltene Armaturenbrett. Niemand außer dem regierenden Team wußte, dass er damit eingreifen konnte in den Kampf um Überleben und Macht. Doch wie jedesmal hoffte er verzweifelt, es nicht tun zu müssen.

Ulala konnte in dem Schneetreiben die Konturen der Brücke nur erahnen. Sie wußte, dass die eigentliche Prüfung noch vor ihnen lag. In den letzten 24 Stunden hatten sie Schneedämonen und Eistrolle besiegt. Sie hatte den beiden anderen erklärt, dass es sich dabei um vom Schiffscomputer erzeugte Feststoffhologramme handelte, und konnte ihnen genau sagen, wo man sie treffen musste. So war es kein Problem gewesen, diese Kunstmonstren zu vernichten. Die Eisschlange war schon schwerer zu schlagen gewesen; dieses Produkt eines kreativen Geistes aus fernster Vergangenheit kostete bei jedem Wettbewerb die meisten Opfer. Nur dank der Geschicklichkeit und Kraft von Foraniz waren sie davongekommen, und Ulana hatte tiefe Befriedigung empfunden, weil sich ihre Auswahl so bewährt hatte. War er auch keine Leuchte und ein Feigling in allen geistigen Bereichen, so war er doch höchst mutig und fähig bei körperlichen Herausforderungen.

Doch nun begann der schwierigste Teil: die Ebene der Schrecken. Hier erwies es sich, ob ein Mitglied der Schiffsbesatzung es wert war, zu den Geworfenen zu gehören – ob es dem überhaupt gewachsen war. Von den fast 90, die gestartet waren, dürfte weniger als die Hälfte bis hierher überlebt haben, und von diesen würden kaum 20 die Brücke erreichen. Denn nun kam der Blick ins eigene Innere, nun entschied sich, ob man überlebte, nun musste man sich den Titel erst wirklich verdienen, wurde man im wahrsten Sinne des Wortes »geworfen in die Ewigkeit«.

Bis jetzt hielten sie sich gut; doch nun, in der »Ebene des Schreckens« würde sich erweisen, ob sie wirklich das Zeug zum Herrschen hatten. Der Erste setzte seine Hoffnung voll auf Ulalas Team; die drei erinnerten ihn an sich selbst und seine Freundinnen bei ihrem Sieg vor 40 Jahren.

Doch er wußte aus leidvoller Erfahrung, dass sich das Abschneiden beim letzten Test nie voraussagen ließ. Die ersten vier Wettbewerbe nach ihrem Sieg war er jedesmal froh gewesen, als kein Team durchgekommen war, doch in den letzten 20 Jahren hatte er stets gehofft, endlich Nachfolger zu finden – und immer wieder vergeblich. Mit Bitternis erinnerte er sich an das vorletzte Mal vor 10 Jahren, als die genialste Frau, der er je begegnet war, mit ihrem Team scheiterte, weil sie nicht verstanden hatte, dass Gnade und Mitleid dazugehörten. Nur sie hatte überlebt – und sich wenig später das Leben genommen und damit die brutale Korrektheit des Testverfahrens leider wieder einmal bestätigt.

Schmerz ... kalter Schmerz ... nichts als Schmerz ... und das Weiß, dieses gnadenlose Weiß... Splitter, weiß, eiskalt, glühend ... getrieben in ... weich... eine weiche Kugel ... aus zartem Gelb ... oh, es tut so weh im ... ICH?... wer IST ICH? ... wer BIN ICH? ... dieses ICH ... Gedankensplitter ... brechen ein ... zerreißen ... mich ... jeder Splitter weißen Schmerzes ein Blitz des Erinnerns ...

Der Garten der Kinder ... die Stunden an den Lernmaschinen, getrieben von unbändigem Ehrgeiz, während die anderen spielen unter der künstlichen Sonne, zwischen tropischen Pflanzen ... die Kämpfe mit anderen Kindern, die Angst vor körperlichem Schmerz ... die Arroganz gegen die nicht ganz so Klugen ... und die Freude, einen Freund gefunden zu haben, der mich beschützt ... Ein Freund. Foraniz? Wo ist er? Und – wo ist Petara? Gibt es mehr hier ... als mich ... und diesen Schmerz ... nein, kein Schmerz mehr... ein weißes Strahlen ... ich treibe ... ich – suche ... sehe ... blau, ein Ball ... eine zartblaue Kugel ... will hin ... Foraniz ... Und da, rot und voll Wärme ... das ist Petara ... wir müssen uns vereinen, müssen ...

Immer mehr Überlebende kamen über das Eis unter die Brücke gekrochen, wo sie von Medorobotern in Empfang genommen und verarztet wurden. Für sie, die nicht den Ehrgeiz gehabt hatten, als Team ins Ziel zu kommen, hatte die »Ebene des Schreckens« wenig Bedeutung gehabt; die harmlose innere Erforschung, der sie sich ausgesetzt sahen, war nützlich, aber ungefährlich. Nur zweimal hatte der Erste die verborgenen Greifarme ausfahren müssen, um ein Abrutschen von Unaufmerksamen zu verhindern. 20 Menschen durften alle 5 Jahre überleben, und es waren diesmal nur 18, so dass er diese zwei retten durfte. Manchmal hatte er auch schon den Gegenwind einschalten müssen, um Überzählige, die zu spät kamen, in die Verwertung zu schicken. Auch wenn er wußte, dass dies notwendig war und sie in den Kreislauf aus Nahrung und Leben zurückkehren würden, plagte es ihn immer noch Wochen später in seinen Alpträumen.

Nun gab es noch die drei aus Ulalas Team auf dem Eis. Unbeweglich lagen sie da; der Erste versuchte, sich auszumalen, was in ihnen vorging. In den geheimen Unterlagen des Führungsteams waren sie beschrieben, die Erfahrungen aller Teams von Anbeginn, seit der Computer sie hier testete, und auch die seinen waren inzwischen dort niedergelegt. Immer war es die gleiche Erfahrung: das Verschmelzen dreier Bewußtseine, die totale Erinnerung eines jeden, geteilt mit den zwei anderen. Die drei lernten sich selbst und die anderen zu akzeptieren, mit all’ ihren Fehlern und Schwächen zu verstehen, sich und den anderen zu verzeihen, ja, sich zu lieben – oder sie scheiterten, und dann überlebten höchstens zwei, manchmal auch niemand. Nur die drei, die diesen Test bestanden, akzeptierte der Schiffscomputer als Führung, und er erhielt das herrschende Team am Leben, bis ein neues gefunden war, wenn nötig, auch über die Zeit hinaus, die den Besatzungsmitgliedern sonst zugestanden war. Einmal hatte ein Team 24 Wettbewerbe auf seine Ablösung warten müssen – 120 Jahre der Herrschaft. Den Ersten schüttelte es innerlich bei diesem Gedanken. Wie sehr wünschte er sich, seine ihm verbleibenden Jahrzehnte in Ruhe verbringen zu können, vielleicht, wie es seine Vorgängerin getan hatte, der jungen Frau dort unten manchmal mit Rat zur Seite zu stehen, wenn sie dies wünschte.

Wie die drei sich nun wälzten und schrieen, vorsichtig gehalten von den gepolsterten Greifarmen. Wie er für sie hoffte ...

Behutsam löste Ulala ihren Geist von den anderen beiden und schlug die Augen auf. Sie war noch ganz benommen. Zuerst dieser Schmerz, dann die brutale Erfahrung, sich selbst zu sehen mit all’ ihren unverzeihlichen Fehlern – und dann das Mitleid mit den anderen, denen es genauso ging, dieses vorsichtige Annähern, das Baden in der gemeinsamen Liebe ... Nie wieder würde sie allein sein.

Über sich sah sie das gütige Gesicht des Ersten. Sie erinnerte sich, wie sie ihn gehaßt hatte, dachte an ihre lächerliche Opposition, erkannte, wie er sie geführt hatte, sie geleitet, selbst als sie in die geheimen Dateien eingedrungen war, die doch nur für die geheim waren, die nicht zur Herrschaft bestimmt waren. Sie erkannte die Großartigkeit des Planes der Vorfahren, die sich entscheiden mussten, als sie sich nach dem Untergang ihres Planeten als kleiner Metallball zwischen den Sternen fanden, mit einer nur theoretischen Chance, einen bewohnbaren Planeten zu finden. Diese 500 Menschen, geworfen in die Ewigkeit und die Unendlichkeit des Raumes, mussten sich entscheiden zwischen der Unsterblichkeit und einer brutalen Auslese, und sie hatten sich entschieden: im Interesse der Menschheit für immer neue Nachkommen – und den eigenen Tod. Und so setzten sie und ihre Nachfahren Kinder in die Welt des Schiffes, von denen alle 5 Jahre von den über 15jährigen nur 20 überleben durften, und legten für immer den Zeitpunkt des friedlichen Eingehens in den Kreislauf des Lebens auf 120 Jahre fest.

Das alles hatte Ulala schon vorher gewußt, und wie viele andere junge Leute hatte sie dies ändern, dagegen rebellieren wollen. Doch nun erkannte sie, unter der geistigen Führung des Schiffscomputers, die Notwendigkeit und Großartigkeit dieses Entwurfes.

Immer noch etwas schwach, stützte sich die neue Erste auf ihren Vorgänger, um diesem Plan auch weiterhin Bestand zu verleihen.


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind, Verlag der Villa Fledermaus


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